Historisch alte Wälder

Reinhardswald Buchen

Autor: Hermann-Josef Rapp Reinhardshagen, 31. Januar 2022

Erläuterung eines Begriffes und Aufklärung eines Missverständnisses

Der Begriff

Seit einigen Jahren taucht in der Beschreibung ökologischer Zusammenhänge und bei der Diskussion um die gesellschaftlichen Ansprüche an Waldflächen immer häufiger der Begriff „Historisch alte Waldflächen“ auf, der dann leider immer wieder auf „Alte Wälder“ verkürzt oder mit „Altholz“ oder „Alten Bäumen“ verwechselt wiedergegeben wird.

Dazu ein paar Information zur Klarstellung.

Es geht hier um Waldflächen, die seit langer Zeit kontinuierlich Wald gewesen sind, möglichst vom Beginn der nacheiszeitlichen Entwicklung an. Hier ist allerdings die Beweisführung schwierig. Sehr schön ist es, wenn man die Grenzen der Rodungsphasen im Hochmittelalter kennt, die den Waldanteil überall, auch im Reinhardswald deutlich reduzierten. Die Pest, Wetter- bzw. Klimaänderungen (Kleine Eiszeit) und ein paar andere Faktoren ließen dann ab der Wüstungsphase im 14. Jahrhundert den Waldanteil wieder steigen.

In den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat man sich intensiver mit der Begriffsdefinition befasst, der wohl erstmals 1934 in England von BOYCOTT verwendet worden ist. Dort ist der Begriff eher auf eine Phase der letzten 400 Jahre fixiert. In den Niederlanden hätte man gern kürzere Laufzeiten.

Auch in Deutschland wurde über die Zeitspanne gestritten. Hier dachte man u. a. daran, den 30j. Krieg (1618-1648) als Untergrenze zu nehmen. Schließlich setzte sich die Zahl 200 Jahre durch. Es gilt also: „Wälder auf Standorten, die nach Karten, Bestandesbeschreibungen und Indizien mehr als 200 Jahre bestehen.
Dabei spielen frühere Bewirtschaftungsformen wie Hutewald, Mittelwald, die Streunutzung, die Schneitelwirtschaft oder Alleen keine besondere Rolle. Sie fallen alle unter diesen Begriff.
Ebenso sind auch standortfremde Baumarten wie hier im Reinhardswald die Fichte oder Lärche nicht ausgeschlossen. Selbst Degradationsformen wie Dauerhuteflächen werden toleriert.

Die Beweisführung

Dazu werden möglichst alte Kartenwerke oder Forsteinrichtungsunterlagen herangezogen. Die gibt es für den Reinhardswald reichlich. Dazu zählt z. B. das Reinhardswälder Hutereglement von 1748.

Ebenso wichtig sind Arbeiten über die Gebietsgeschichte, so z. B. die Dissertation JÄGER aus dem Jahr 1951 über die Wüstungen im Reinhardswald.

Von großer Bedeutung sind archäologische Objekte im Gelände, von denen es im Reinhardswald sehr viele gibt. Dazu zählen die Wölbäckerfluren als Beleg für ehemalig landwirtschaftlich genutzte Flächen, die Standorte der historischen Waldglashütten, die große Zahl von Köhlerplatten, Erdwälle, Gräben und Hecken. Die alten Forstortsbezeichnungen und Flurnamen geben ebenfalls Aufschlüsse.

Im Reinhardswald ist die Beweisführung besonders einfach, weil durch die Widmung als Bannwald und die klaren Eigentumsverhältnisse die Nutzungsart über die Jahrhunderte hinweg gut nachvollziehbar ist.

Was unterscheidet „Alte Wälder“ von „Jungen Wäldern“?

Sie sind Hotspots der Artenvielfalt. Viele Arten kommen nur dort oder in höherer Populationsdichte vor. Sie gelten als Spenderflächen für die Neubesiedlung jüngerer Waldflächen. Die Resilienz gegenüber Gefahren ist hier niedriger.

Boden und Trophie

Hier unterscheiden sich die alten von den jungen Flächen deutlich. Das bezieht sich auf die Basensättigung, den Gehalt an Phosphor und Stickstoff, die Verhältnisse C/N und C/P sowie die Bedeutung als Kohlenstoff-Akkumulatoren. Häufig sind in den alten Waldflächen mächtige Ah-Horizonte ausgebildet.

Diese besonderen Verhältnisse bei „Alten Wäldern“ rühren z. T. auch daher, dass bei der Auswahl der landwirtschaftlich zu nutzenden Flächen, dem Wald die ungünstigeren Bereiche bezüglich des Reliefs und der Pedologie (Bodenkunde) geblieben sind.

Botanik

In diesem Bereich ist am meisten wissenschaftlich gearbeitet worden. Es gibt zahlreiche Listen von Indikatorarten, auch solche mit Regionalbezug. Über die Verbreitungsmechanismen weiß man viel. Das gilt besonders für die Gefäßpflanzen. Moose geben wenig Hinweise.
Bei den Flechten sieht es interessanter aus. Bei den Pilzen eignen sich die Ektomykorrhizen besonders als Weiser für alte Wälder. Bei den
xylobionten (holzbesiedelnden) Arten gilt das weniger.

Zoologie

Hier taucht immer wieder der Feuersalamander auf. Auch die Schneckenarten liefern Hinweise. Hier gibt es einige Reliktarten.
Die Käfer nehmen eine Sonderstellung ein. Hier lassen sich signifikant höhere Populationen in alten Wäldern nachweisen. Über Laufkäfer liegen einige Arbeiten vor. Einige Rüsselkäferarten sind stark an alte Wälder gebunden.
Von besonderer Bedeutung ist die Liste der Urwaldreliktarten bei den Käfern. Hier lassen sich interessante Hinweise und Zusammenhänge auf das und mit dem Alter der Wälder entdecken.

Bedeutung der „Historisch alten Wälder“

Besonders groß ist die Bedeutung der alten Wälder für den Naturschutz.

Hier finden sich die am wenigsten gestörten Böden, die intaktesten Wasser- und Nährstoffkreisläufe sowie einmalige Ergebnisse unserer Landschaftsentwicklung mit einer hochspezialisierten Flora und Fauna.

Häufig handelt es sich um Schutzobjekte mit europäischem Rang. Deshalb beschäftigen sich Botaniker, Zoologen, Geographen, Historiker und Förster mit den alten Wäldern.

Und nun noch zum Reinhardswald

Die Mindestgröße für einen wichtigen „historisch alten Wald“ wird häufig mit 10 Hektar angegeben. Diese Definition spielt hier im Reinhardswald keine Rolle.

Er ist durch seine historische Entwicklung, im Jahr 2019 feierten wir seinen „1.000 Geburtstag“ und seine Artenausstattung ein Glanzlicht in der Liste der deutschen historisch alten Wälder.

Eine Fülle von Veröffentlichungen, Kartenwerken, Forstdokumenten und umfassend nachgewiesenen Bodendenkmälern lässt die präzise Beweisführung zu, dass er auf dem überwiegenden Teil seiner Fläche von etwa 20.000 Hektar mehr als 1.000 Jahr lang Wald gewesen ist.

Und wenn man die Definition von einer Dauer von 200 Jahren zu Grunde legt, gilt das für die gesamte Fläche. Deshalb muss diese Eigenschaft bei der Beschreibung der Bedeutung des Reinhardswaldes an vorderer Stelle stehen.

Ein Faustpfand, das man auch den Bürgerinnen und Bürgern ins Bewusstsein bringen und das man von dem Missverständnis „Alte Bäume = Alter Wald“ befreien muss.